Interview mit Nils Mönkemeyer

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Ein Interview mit Nils Mönkemeyer, der ein premiertone-Kunde der allerersten Stunde ist. 
Das soll ein Auftakt sein, zu einer kleinen Blog-Reihe, in der wir unsere Künstler mit ein paar Fragen vorstellen, um sie besser kennenzulernen.

Lieber Nils, schön, dass Du Dir Zeit genommen hast, um die Fragen zu beantworten:

 

Was wärest Du geworden, wenn Du nicht Musik studiert hättest?

Als ich jünger war, habe ich mit Psychologie geliebäugelt...ein Teil davon, dass man Musiker wird, ist ja auch der, dass man sich sehr früh entscheiden muss und auch einen inneren Drang verspürt, es zu machen.

Ich erinnere mich sehr genau, als wir gefragt wurden, da war ich acht, was wir werden wollen und da haben alle gesagt, da war alles dabei von Friseuse über Dampfschiffkapitän und Polizist und ich habe Musiker gesagt und hinterher fanden das meine Klassenkameraden ganz uncool. 

Und ich war ganz überrascht, dass das nicht cool ist (lacht) und habe dann eine Zeit lang gedacht, dass das vielleicht gar nicht gut wäre, wenn ich das mache, ich hatte auch eine Phase in der Hochpubertät, wo ich dieser Form von gradliniger Erfüllung eines offensichtlichen Weges ausweichen wollte und habe dann in der Zeit auch nicht geübt und es ein bisschen verweigert, aber am Ende war das irgendwie so klar, dass das die Richtung ist, in die ich gehen würde

Deswegen würde ich mich überhaupt nicht langweilen, wenn ich keine Musik machen würde aber ich habe tatsächlich keine Idee, in welche Richtung das nehmen würde.

Ich glaube, mittlerweile ist mir klar, dass meine Liebe zur Musik gar nicht an mein eigenes Spiel oder mein Instrument gekoppelt ist, ich könnte mir also vorstellen, im Musikbusiness weiterzuarbeiten. Auch wegen des zwischenmenschlichen Aspektes hinter den Kulissen, das finde ich sehr spannend und ein Teil des Musikerlebens ist auch das Netzwerken und die Verbindung mit Menschen, ohne das funktioniert es ja einfach nicht, insofern denke ich, das würde ich gern weitermachen und das Unterrichten. Das ist mittlerweile ein ganz wesentlicher Bestandteil meines Lebens.

Oder ich steige komplett aus und ich mache ein Café auf, habe eine Rosenbaumschule oder ähnliches! (lacht)

 

Ein besonderes Konzert, an das Du Dich erinnerst?

Ich erinnere mich sehr genau an einen Beethoven-Zyklus mit Gidon Kremer und Martha Argerich in der Bremer Glocke und damals konnte man noch auf der Bühne sitzen, ich saß also hinter ihnen und dieses Gefühl, dass ich von der Musik und diesen starken Persönlichkeiten komplett elektrisiert worden bin, wenn ich an dieses Konzert zurückdenke, was nun mehr als 25 Jahre her ist, dann habe ich das sofort ganz präsent vor Augen. 

Oder ein anderes war mit Nikolaus Harnoncourt und Concentus Musicus Wien, wo ich im Publikum saß und habe so innerlich gejuchzt und gejubelt, weil ich instinktiv verstanden habe, wieviel Freude das geben kann, so ein Konzert und eigentlich sind immer die schönsten Momente die, wo die Freude alles andere überwiegt und wo die Musik übernimmt und uns Menschen nach oben holt, zu was Besserem macht, und wo es nicht darum geht, dass ich mich zeigen will, sondern was im Dienste einer höheren Sache ist. Wenn das klappt, dann ist es das Schönste und ich glaube, dass dieser Moment auch eine Magie hat, den alle im Raum merken. Klappt aber nicht immer!

 

Welcher Lehrer hat Dich am meisten geprägt?

Einmal ist es natürlich Hariolf Schlichtig, bei dem ich die Hauptzeit meines Studiums verbracht habe. Er ist ein unglaublicher Musiker, er hat so eine Art in der Kammermusik eine ganze Gruppe zu verbinden und von ihm habe ich sozusagen meine gesamte musikalische Prägung bekommen. Die Ausrichtung und worum es geht beim Musikmachen, diese grundsätzlichen Fragen habe ich von ihm mitbekommen.

Die zwei anderen, ganz wichtigen Personen, waren mein erster Bratschenlehrer, Christian Pohl in Hannover, der war stellvertretender Solobratscher bei der Radiophilharmonie. Er hatte viele sehr gute Schüler, wie auch Hartmut Rohde oder Volker Jacobsen und der war eigentlich für mich vor allem die Person, durch die ich überhaupt in der Lage war zu sagen, ich kann das studieren und der mich auch zur Bratsche gebracht hat, durch diese Unsicherheiten der U20-Zeit mit ganz viel psychologischem und menschlichem Geschick gelenkt hat.

Später war Yuri Bashmet für mich ein ganz wichtiger Bezugspunkt, ich hab ihn auch total idealisiert, also alles war gesagt und gemacht hat, war für mich auf dem höchsten Podest, den man sich vorstellen kann. Alles was er gesagt hat, habe ich zehnmal im Kopf umgedreht, ich habe ein ganzes Buch mit seinen Unterrichtsstunden, ich habe alles aufgenommen beim Meisterkurs und es dann abgeschrieben!
Und dadurch dass ich dann mit ihm auch gespielt habe, darüber hat er mich sehr wesentlich geprägt. Ich finde auch nach wie vor, dass er einer der größten Musiker ist, den wir je auf der Bratsche hatten.
 

 

Welches Stück hast Du schon zu oft gespielt/gehört? Und welches ist ein ganz besonderes für Dich?

Ich habe ein Stück, was mir zu den Ohren raushängt, das ist „Souvenir de Florence“. Das ist so DAS Festivalstück, das immer auf dem Programm steht, überall und immer ganz schnell, fast ohne Probe gespielt wird, obwohl es eigentlich ziemlich schwer ist, das muss jetzt nicht unbedingt sein.

Schuberts Arpeggione Sonate – ich liebe dieses Stück über alles und ich liebe Schubert sehr, er war der erste Komponist der Romantik, mit dem ich wirklich was anfangen konnte, aber dieses Stück, es ist ein sehr schmaler Grad auf dem man sich damit bewegt, würde ich sagen und die richtige Mischung aus Spätklassik, Übergang zur Romantik und Melancholie aber trotzdem nicht schwülstig oder säuselig, das ist wahnsinnig schwer und irgendwie wird das Stück für mich auf der Bühne nicht entspannter. 

Es gibt Werke, die wachsen, z.B. Brahms Sonaten, damit fühle ich mich jedes Mal etwas besser und bei Schubert bleibt dieses Gefühl auf dem Seil zu gehen, das geht irgendwie nicht weg.

 

Hörst Du noch privat Musik? Was für welche?

 

Oft muss ich sagen, bin ich froh über Stille bzw. habe oft das Problem, dass wenn ich Klassik höre, ich anfange es zu analysieren und zu überlegen, warum finde ich das wie und welche Relevanz  hat es für mich, was kann ich davon lernen. Wenn ich was besonders toll finde, überlege ich warum und kann ich das auch oder wie kann ich auch dahin kommen?
Insofern höre ich mir Bratschenstücke nie an, das höre ich ja auch beim Unterrichten noch, das reicht.. und wenn, dann nur aus Interesse – klar ich höre mir ab und zu an, ah, das machen jetzt meine Kollegen, ich höre es mir an und denke, das finde ich spannend oder auch nicht so spannend, aber meine Freizeit ist dafür da, dass ich Freizeit bekomme von der Bratsche.
Ich bin ein großer Fan von Brad Mehldau, generell höre ich sehr gern Jazz, sowieso Klavier höre ich eigentlich sehr gern, z.B. auch Radu Lupu, seine alten Schubert-Aufnahmen finde ich großartig. Ich höre auch sehr gern Musik von meinem Vater, er ist Jazz-Gitarrist, er hat mehrere Solo-Alben aufgenommen und wenn ich das höre, entspanne ich mich sofort weil das ist das Gefühl, wie das früher zuhause war, mein Vater übt im Musikzimmer, die Tür ist halboffen, wir sitzen irgendwo und unterhalten uns oder lesen und das ist dann sofort ein Zuhause-Gefühl, das ich dadurch bekomme.

 

Wichtigstes Talent für Musiker?

Das ist natürlich ein sehr weites Feld, ich denke, man braucht sehr viele verschiedene Begabungen in verschiedenen Bereichen und es kommt auch darauf an, was man machen möchte. Ich finde, es ist sehr wichtig und das muss auch sehr gut angeleitet werden vom Lehrer und vom Umfeld, dass man erkennt, welche Begabungen habe ich eigentlich und was bedeuten die für meine Zukunft.
Und ich finde, dass da sehr viel Nachholbedarf besteht, das ist auch etwas, was ich aus eigener Erfahrung sagen kann, ich habe gedacht, ich soll ins Orchester gehen, das war für mich völlig klar, weil als Bratscher, ist das das Naheliegendste erstmal. Und dann habe ich gemerkt, dieses im Kollektiv funktionieren ist für mich sehr schwierig, aber ich habe daraus nicht den Schluss gezogen, dass ich was anderes machen muss, sondern habe gedacht, ich kann das einfach nicht und das ist ein Problem. Jetzt natürlich benutze ich die Qualitäten, die ich habe für das was ich tue, und die helfen mir sehr, aber das habe ich eigentlich relativ spät erst verstanden.

Insofern glaube ich, das es einmal Aufgabe eines Lehrers an den Hochschulen ist, den Studenten zu sehen und es ist eine große Verantwortung, gerade auch weil die wirtschaftliche Situation für Musiker ja nicht besser wird. Daher ist es umso wichtiger zu wissen, was kann und wie kann ich es machen.


Ich glaube dass die Ausbildung der Studenten vielfältiger aufgestellt werden muss. Coaching, Einzelberatung von Leuten, die nicht vom Hauptfachinstrument kommen, sogar vielleicht von der Business-Seite, sind für diese Dinge ganz entscheidend und ich würde mir wünschen als Hauptfachlehrer, dass ich über diese Dinge mit einer außenstehenden Person sprechen kann, dass man sagen kann, man macht eine Beratung zusammen.

Das bringt mich auch nochmal zu meinen Lehrern zurück: was Yuri Bashmet bei mir gesehen hat, war das solistische Potenzial. Und ich erinnere mich, dass er in der ersten Stunde zu mir gesagt hat „Du spielst gut, aber Du spielst gar nicht so wie Du bist und nicht für das, was Du später machen willst.“ Für mich war das wie ein Buch, ich habe gar nicht verstanden, was er meinte. Dann hat er später zu mir gesagt „das war doch klar, dass Du Solist werden musst“ -für mich war das überhaupt nicht klar, unabhängig davon dass da auch viel Glück dazugehört.
Das ist so ein Schlüsselpunkt für die Zukunft des Musikmarktes, weil ich finde, es ist die Aufgabe des Lehrers auch, das Potenzial zu erkennen, die Richtung und dahingehend zu unterstützen -und auch die über die Ausbildung die Vielfalt zu erhalten. Wir brauchen ja die verschiedenen Leute, um die Reichhaltigkeit bleiben kann, wir brauchen gute Musiklehrer, Instrumentallehrer, das ist z.B. bei Bratsche ein Riesenproblem, weil es gibt gar nicht soviele Bratschenlehrer.

 

Liest Du Kritiken von Deinen Konzerten? 
 

Ich bekomme manchmal gefiltert Rezensionen von meiner PR-Agentur weitergeleitet, da weiß ich aber, dass sie gut sind, weil ich gesagt habe, ich möchte die schlechten nicht bekommen. Wir Menschen haben die Angewohnheit, auf das Schlechte mehr zu hören, als auf das Gute.
Eigentlich versuche ich, weniger zu lesen - erstens bin ich mit mir so kritisch, so kritisch kann gar kein Kritiker sein und wenn ich ein Konzert schlecht fand und die Kritik war gut, dann denke ich, ich habe Glück gehabt (lacht), wenn ich das Konzert wirklich gut fand, dann ist die Kritik mir nicht so wichtig – und trotzdem ist es sehr wichtig, dass ich eine Aussage treffe, hinter der ich 100 % stehe und je nachdem mit welchem Stück, an welchem Tag und in welchem Zusammenhang kann es natürlich immer passieren dass es jemandem nicht gefällt.

Ich glaube, das gehört dazu. Es ist einfach unmöglich, dass immer alle alles gut finden.

Das ist ein Satz, der sich sehr leicht sagt, aber eine Tatsache, die schwer zu akzeptieren ist, weil wir natürlich auf die Bühne gehen und gemocht werden wollen. 

Und deshalb versuche ich eigentlich in dem Moment mich darauf zu zentrieren, was ich sagen will und auch darauf zu vertrauen, dass die Leute, denen das gefällt, die hören das, die bekommen das davon und wem das nicht gefällt, dann ist es nicht für diese Person gedacht und die wird was anderes hören und ein positiveres Erlebnis haben. Ich muss das akzeptieren, dass ich nie alle glücklich machen kann.